Kommentar zu „Braucht die Region Olympia?“

Da mein Beitrag in der MAZ vom 4.3.2015 zur Frage „Braucht die Region Olympia“ leider nicht online zur Verfügung steht, dokumentiere ich ihn hier:

Olympia 2024 in der Region – Brauchen wir das?

Die Antwort auf die Frage, ob Berlin und Brandenburg Olympische und Paralympische Spiele im Jahr 2024 oder 2028 wirklich brauchen, sollte eigentlich allen Beteiligten klar sein: Nein! Denn von einer zweiwöchigen Sport-Großveranstaltung hängt glücklicherweise nicht das Wohl der Region ab. Sanierung von Verkehrsinfrastruktur, Neubau von Wohnungen, moderne Sportstätten, mehr Barrierefreiheit sind ebenso dringende Herausforderungen wie eine konsequente und zielorientierte Umwelt-, Naturschutz- und Klimapolitik. Es wäre ein politisches Armutszeugnis, wenn diese Zukunftsaufgaben nur mit dem Megaevent angegangen werden könnten.

Spannender ist vielmehr die Frage: Kann und will die Region Olympia (und Paralympics)? Die frohe Botschaft für Olympiabefürworter: Bescheidene und verträgliche Spiele sind durchaus möglich, wenn der Abschied von der bisherigen Gigantonomie mit hohen Kosten für die Steuerzahler und massiven Eingriffen in die Natur gelingt. Die notwendigen Voraussetzungen sind weitgehend vorhanden: Sport- und Wettkampfstätten, Hotelbetten, Infrastruktur. Kernfrage beim Olympischen Dorf mit seinen ca. 5.000 neuen Wohnungen ist insbesondere, ob in 2024 oder 2028 noch der aktuelle Bedarf an zusätzlichem Wohnraum besteht – oder ob dann bereits die Einwohnerzahlen wieder sinken.

Zentrale Frage für die Bürgerinnen und Bürger in Berlin und Brandenburg ist damit: Sind die Olympischen und Paralympischen Spiele mit Ihren Chancen, Risiken und Nebenwirkungen gewollt? Soll sich die Region den Anforderungen des Internationalen Olympischen Komittees (IOC) unterwerfen, um die Spiele optimal im Sinne der internationalen Sponsoren zu vermarkten? Die Reformagenda des IOC geht zwar in die richtige Richtung, ob und wie sie umgesetzt wird, zeigt sich aber erst, wenn die Vertragsentwürfe für die Gastgeberstädte vorliegen. Wie sehen die Konzepte für Sicherheit und Terrorabwehr aus, sind Einschränkungen elementarer Freiheitsrechte zu erwarten, wie hoch sind in diesem Bereich die Kostenrisiken für die Steuerzahler? Wie wird verhindert, dass bei leeren Kassen Steuergelder für unerwartet auftretende Mehrkosten oder unnötige „Leuchtturmprojekte“ oder überdimensionierte Infrastrukturvorhaben verschwendet werden, für dringend notwendige öffentliche Aufgaben dagegen das Geld fehlt? Dank Missmanagement bei zahlreichen Großprojekten ist hier das Vertrauen in die Politik zu Recht erschüttert.

Die laufende Olympiakampagne im Städtewettwerb mit Hamburg dürfte das Misstrauen eher weiter erhöhen. Zu sehr setzt sie auf Überzeugung, zu einseitig auf erhoffte Chancen und wirtschaftliche Impulse einer Bewerbung für die Region. Notwendig wäre dagegen eine offene und faktenbasierte Diskussion über das Pro und Contra einer Bewerbung, eine konkrete Kalkulation der Kosten und Risiken sowie die Einbindung olympischer und paralympischer Spiele in eine zukunftsfähige Stadt- und Regionalpolitik. Gute Planung braucht Zeit, ein demokratischer Diskurs ebenso. Berlin und Brandenburg sollten sich selbstbewusst diese Zeit nehmen! Denn eines dürfte klar sein: mit mehr offenen als geklärten Fragen hat eine Bewerbung für 2024 bei einem Volksentscheid im Herbst 2015 keine Chance, egal ob in Berlin oder Hamburg!

Alle warten auf den Forsa-Anruf – ich nicht

Eines eint die Befürworter und Gegner einer Berliner Olympiabewerbung. Sehnsüchtig warten sie auf den Anruf von Forsa, um zur Frage „Olympia: Ja oder Nein“ interviewt zu werden.
Ich nicht. Ich bin eigentlich nur gespannt, ob dieser absurde Wahlkampf im Vorfeld einer Meinungsumfrage zu relevanten Änderungen bei den Einstellungen der Berlinerinnen und Berliner zu einer Olympiabewerbung führt.

Ob sich mit einer geballten Überzeugungskampagne das Meinungsbild ändern oder – wie es Olympiagegner formulieren würden – manipulieren lässt, wird das spannendste Ergebnis dieser Umfrage sein. Ein Ergebnis, welches die Art, wie in Berlin in Zukunft Sachfragen diskutiert werden, maßgeblich bestimmen wird. Ändert sich recht wenig im Meinungsbild, bestätigt sich die Lernerfahrung aus dem Volksentscheid um das Tempelhofer Feld: Die Berlinerinnen und Berlin wollen nicht überzeugt, sondern erst einmal informiert werden. Als mündige Bürgerinnen und Bürger lassen sie sich ihre Meinung nicht vorgeben, sondern bilden sich ihre Eigene. Wenn lautstarke Olympia-Gegner das ebenso kapieren wie der kampagnenverliebte Senat, besteht vielleicht endlich mal die Chance für eine neue Diskurskultur in Berlin. Und dies nicht nur zu Olympiabewerbungen. Bitter nötig wäre es!